Musicals und Shows

Keep Cool, 34 Jahre später

09.10.2026 von Christoph Soltmannowski

Die Neuinszenierung von «Keep Cool» ist die Schweizer Entertainment-Überraschung des Jahres.

Als vor einem Jahr die Neuauflage angekündigt wurde, war die Skepsis gross. «Keep Cool» war 1992 ein Stück seiner Zeit: eine Welt ohne Social Media und FOMO, Diversität war ein Fremdwort, und ein Macho war eine Hauptrolle, keine Diagnose. Seither hat sich die Kulisse verschoben. Die Latte für Musicals hängt heute deutlich höher, auch für Schweizer Produktionen. Kann man so etwas heute noch machen?

Dazu Bastian Baker in der Titelrolle. Guter Sänger, sympathischer Kerl, erfolgreich sowieso. Aber «Keep Cool» lebt vor allem von der Komik. Marco Rima spielte den Schmalspurmacho damals mit viel Selbstironie. Kann Baker so etwas? Oder wird das Ganze eine «Weisch no»-Reprise für ein Boomerpublikum?

Ordentlich aufgemotzt

Die Premiere im Theater 11 gab die Antwort: Es geht. Und es passt. Allerdings wurde um- und ausgebaut und ordentlich aufgemotzt. Die Songs sind wiederzuerkennen, viele Szenen auch. Dazu kommt eine Menge Neues, bis hin zu neuen Figuren wie dem Travestiekünstler Chiquita. Daniel Bill macht daraus eine der grossen Überraschungen des Abends. Schon in den Neunzigern sprang er ein paar Mal für Marco Rima in der Hauptrolle ein.

Auch das weitere Ensemble beeindruckt. Viola Tami als Claire und Janin Anna Matt als Laura spielen, tanzen und singen, als wäre nichts leichter. Eine spezielle Erwähnung verdient Neu-Entdeckung Denia Weber als Giorgia. Sie singt, dass der Saal jubelt, und brillliert als komödiantisches Talent.

Und Bastian Baker? Er kann es. Er hat das Timing, er hat das Gespür für die Pointe, und das Publikum hat er nach wenigen Minuten. Mit seinen Fremdsprachkünsten setzt er noch eins drauf.

Marco Rima, einst Titelheld und Schöpfer des Musicals, ist heute Big Daddy. Die Rolle war zuerst für Rob Spence vorgesehen. Bei Rima wirkt sie, als wäre sie ihm auf den Leib geschrieben. Souverän wie eh und je.

Von innen renoviert

In den Neunzigern haben wir über die Tanzcrew gestaunt. Gegen das, was heute auf der Bühne steht, wirkt das böse gesagt fast wie Bauernballett. Technisch gilt dasselbe: grosser LED-Screen, ein gerüttelt Mass an (passend eingesetzten) KI-Kreationen, alles auf dem Stand von 2026. Das Live-Orchester von damals ist weg. Gefehlt hat es nicht.

Dass man das Stück trotz allem wiedererkennt, liegt an den Leuten hinter der Bühne. Regie führt Isabelle Flachsmann, 1992 selbst als Laura in der Erstbesetzung. Die Choreographie stammt von Kati Farkas, damals ebenfalls in einer Hauptrolle. Die beiden kennen das Original von innen.

Surreal und entlarvend

Auf der Strecke geblieben ist die Story. Hand aufs Herz: Die war schon damals weder raffiniert noch matchentscheidend. Geblieben ist der Rahmen. Big Daddys Talent-Bühne gab es schon 1992, heute läuft sie nach den Regeln von Castingshow und Social Media. Wer auffallen will, braucht eine Fassade, und genau die nimmt das Stück auseinander. Die Welt ohne Social Media aus dem Original gibt es nicht mehr. Den Rest erledigen surreale, absurde Gags. An den Texten haben Janin Anna Matt und Denia Weber mitgeschrieben, beide 23. Man merkt es: Die Gags zünden fast ausnahmslos, auch beim jüngeren Publikum. Gar nicht cringe.

Da muss man hin. Das gilt auch für die halbe Million, die schon «Keep Cool» in den Neunzigern gesehen hat. Ihr habt noch gar nichts gesehen! Ihr werdet wieder staunen.


Das Comedy Musical «Keep Cool» läuft bis 15. November im Theater 11 Zürich, danach im Musical Theater Basel (ab 20. November) und im KKL Luzern (18. Dezember bis 8. Januar 2027).

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