Am 27. Februar 2026 rollt in «THE HALL» ein Stück Popgeschichte ein. Wenn David Byrne dort sein neues Bühnenprojekt präsentiert, sehen viele im Publikum nicht nur den Solokünstler, sondern vor allem den Mann, der einst mit den Talking Heads die Achtziger elektrisierte.
Die Talking Heads starteten 1975 im New Yorker Underground, fanden aber spätestens 1980 ihren Platz im Mainstream. Mit «Once in a Lifetime» fragten sie existentialistisch «How did I get here?» – Millionen sangen mit. 1983 loderten sie mit «Burning Down the House» bis in die Billboard-Top-Ten. Byrne stand dazu meist kerzengerade auf der Bühne, Augen aufgerissen, Bewegungen stossweise – eine Mischung aus Nervosität, Theater und Tanz, die perfekt zum nervösen New-Wave-Groove passte.
Spätestens der Konzertfilm «Stop Making Sense» (1984) machte Byrne zur Pop-Ikone: sein legendäres Riesensakko, die sukzessiv wachsende Band, das Clapping-Intro zu «Psycho Killer» – bis heute gilt der Film als vielleicht bestes Live-Dokument seiner Zeit. Und im Zürcher Kino Le Paris, wo der Film jahrelang jeweils freitagabends lief, wurde jeweils vorne vor der Leinwand dazu getanzt.
Nach dem Ende der Talking Heads 1991 tauschte Byrne den grellen Pop-Mantel gegen ein Sammelsurium künstlerischer Abenteuer. Er gründete das Weltmusik-Label Luaka Bop, veröffentlichte Latin-Alben und schrieb Film-Scores. Auf seinen Solo-Platten hüpfte er von brasilianischen Rhythmen zu Elektronik und wieder zurück – stets neugierig, nie berechenbar.
Seinen bislang grössten Solo-Clou landete Byrne 2019 mit «American Utopia» am Broadway. Elf barfüssige Musiker marschierten kabellos über die Bühne, während Byrne über Gehirnsynapsen und gesellschaftliche Netze sinnierte. Spike Lee bannte das Spektakel 2020 auf Film; 2021 gab’s den Special Tony Award obendrauf. Plötzlich tanzten TikTok-User zu «Road to Nowhere», Teenager entdeckten das schräge Genie – und Byrne wurde mit Mitte 70 zur popkulturellen Gegenwart.
Doch wer denkt, danach käme der Ruhestand, kennt Byrne schlecht. Im September 2025 erscheint «Who Is the Sky?» – sein erstes Soloalbum seit «American Utopia». Produziert von Kid Harpoon, arrangiert vom Ghost Train Orchestra, Gäste wie St. Vincent und Hayley Williams. Schon die Vorabsingle «Everybody Laughs» zeigt, wie Byrne Alltagsbanalitäten wieder poetisch auf den Punkt bringt.
Die Live-Umsetzung startet im Herbst 2025 in Nordamerika, tourt über Australien und Neuseeland und landet im Februar 2026 in Europa. In Dübendorf steht Byrne mit 13 Musikerinnen und Tänzerinnen auf der Bühne; allesamt mobil, allesamt ständig in Bewegung – ein Konzept, das an die Broadway-Show anknüpft.
Dass sich Byrne dabei selbst nicht allzu ernst nimmt, zeigt seine Lieblingsanekdote: Er habe das Riesensakko nur erfunden, um seinen Kopf kleiner wirken zu lassen – «Musik ist körperlich, der Körper versteht sie schneller als der Kopf». Dieses Prinzip gilt bis heute: Die neuen Arrangements mögen intellektuell ausgeklügelt sein, doch live kommt es auf Groove, Schweiss und kollektives Mitsingen an.
Am Ende bleibt David Byrne ein wandelnder Widerspruch: Kunstrocker und Hitlieferant, Konzeptkünstler und Chartstürmer, Pop-Professor und Rampensau. Für die einen ist er Zeitgeschichte, für die anderen ein frisch entdeckter Geheimtipp. Rund 40 Jahre nach «Burning Down the House» brennt das Feuer jedenfalls noch immer – diesmal eben in Dübendorf.
Zum Talking-Heads-Klassiker «Psycho Killer» gibt es ein neues, offizielles Musikvideo.