Nicole Bernegger – The Voice
Mit einer einzigen Note eröffnet Nicole Bernegger die musikalische Reise durch elf Songs. Ein prägnanter und immer
wiederkehrender Gitarrenklang, der in eine ungewisse Richtung peitscht. Schon fast bedrohlich. Dann setzt Nicoles
Stimme ein, divenhaft und selbstbewusst: «We come alive in the city light. Speeding through live city night.» – die Zeit rast,
als gäbe es kein Morgen. Tatsächlich könnte man meinen, diese ersten Zeilen des neuen Albums stünden sinnbildlich für
die letzten Monate der dreifachen Mutter: Mal eben schnell die erste Staffel von «The Voice of Switzerland» gewonnen,
dann ein gesundes Mädchen zur Welt gebracht und nicht zuletzt ein Album aus dem Boden gestampft – die Bernegger
will’s wissen!
«Wenn nicht jetzt, wann dann?», lautet die Frage der Baselbieterin, die sie sich bereits vor der Teilnahme zur Casting-
Show beim Schweizer Fernsehen stellen musste. Denn mit ihren 36 Jahren liegt die musikalische Jugend hinter ihr zurück.
«The Voice», so der schnörkellose Albumtitel, ist also ein Statement. Ein weiterer Meilenstein im Leben eines Menschen,
der sein Leben der Musik verschrieben hat. Als Teenager nahm Nicole erstmals Gesangsunterricht. Ihre Eltern haben sie
dazu ermuntert. Dieses Talent dürfe nicht vergeudet werden, so der Tenor der Erzeuger. Recht hatten sie. Wie die
meisten Eltern Recht haben, wenn es darum geht, das Talent des eigenen Schützlings nicht zu verkennen. Jetzt, 22 Jahre
und zahlreiche Konzerte mit der eigenen Hausband The Kitchenettes später, folgt das mit Spannung erwartete Solo-Debüt
«The Voice».
Dass Frank Sinatra einst den gleichnamigen Beinamen für seine charakteristische Stimme erhielt, stört die Castingshow-
Gewinnerin nicht. Wieso auch? Wenn man ebenso auf ein ausserordentliches Stimmorgan von Welt zurückgreifen und
damit zahlreiche Menschen glücklich machen kann! Titel spielen also keine Rolle. In der Kürze liegt die Würze und wie
sollte man Bernegger auch sonst beschreiben? Die Schweizer Soul-Hoffnung? Das Stimmwunder made in Switzerland?
Oder die Schweizer Antwort auf Adele, Amy Winehouse oder gar Shirley Bassey? Wie bereits erwähnt, Titel spielen keine
Rolle. Die 36-Jährige lässt die Musik für sich sprechen.
Die elf Songs auf «The Voice» sang Nicole Bernegger vor allem mit tatkräftiger Hilfe ihres TV-Jurors und Coaches, dem
Rapper Stress ein. Die beiden ergänzen sich bestens. Sie brachte den Einfluss der 60ies in den Prozess mit ein, er die
nötige Prise Rhythmik. «Stress lernte mich einiges. Er war ein strenger und kritischer Mentor und hat mir meine
Schwächen aufgezeigt. Genau das habe ich mir von der Zusammenarbeit erhofft», so die Sängerin. Auch für Hitmill-
Produzent Fred Herrmann hat Nicole nur gute Worte übrig: «Fred ist ein begnadeter Produzent und hat das Gespür für
grosse Pop-Melodien.» Trotz Zeitdruck experimentierte das Dreiergespann viel und lotete Grenzen aus. «Die Studioarbeit
war nicht immer nur leicht für mich. Mein Steckenpferd ist der Motown-Soul, nicht moderne Popmusik. Diese entdeckte ich
erst schrittweise. Und nicht zuletzt musste ich mich gegen zwei Profis behaupten!», lacht Bernegger. Der Soul-Einfluss ist
beim vorliegenden Album jedoch immer noch deutlich spürbar.
Überhaupt strahlt die 36-Jährige zurzeit als wäre ihr Debüt-Album bereits erfolgreich beim Publikum angekommen. Sie sei
in einer äusserst glücklichen Situation, das Leben meine es derzeit gut mit ihr. Dennoch bestechen auf «The Voice» vor
allem die melancholischen und ruhigen Nummern. Etwa die erste Singleauskopplung «The Fool», auf der die Strahlefrau
ihren Liebsten «in die Hölle wünscht». Oder die melancholische Midtempo-Ballade «Stand Down», welche von einer
unglücklichen Liebe handelt. Und dann wäre da noch einer von Nicoles Lieblingssongs «Tell Me Why»: Ein erbitterter
Hilferuf an den fiesen Typen, der sie für eine andere sitzen liess. Alles traurige Songs, die von unerfüllter Liebe, vom
Verlassen werden und einer ganzen Menge Sehnsucht handeln. Weshalb der grosse Herzschmerz, Frau Bernegger? Die
Antwort folgt postwendend: «Mir fällt es einfacher, traurige als fröhliche Songs zu singen».
Und nun? Wie weiter? Eine Reise möchte sie noch machen. Oder das Gitarrenspiel erlernen. Dafür ist vorerst aber keine
Zeit. Denn Nicole Bernegger geht den mit «The Voice of Switzerland» eingeschlagenen Weg weiter. Schritt für Schritt, mit
viel Optimismus. Frei nach der letzten Textzeile ihres Albums: «We will fly, no matter what we do.» Wohin es sie treibt,
weiss sie selber nicht. Hauptsache vorwärts. Hauptsache lächelnd. «Denn wenn nicht jetzt, wann dann?», lautet die Frage
der kecken Baselbieterin.