Im vergangenen November dachten sich The Killers, dass nun – nachdem sie über 400 Konzerte gespielt hatten und von ihrem Smash-Debütalbum „Hot Fuss“ über fünf Millionen Einheiten verkauft worden waren – die Zeit gekommen wäre, um mal eine kleine Pause einzulegen. Verdient hatten sie’s, keine Frage. „Wir wollten einfach nur ein paar Monate die Beine hochlegen, es uns in der Sonne gut gehen lassen“, setzt Sänger Brandon Flowers an. Doch – selbstverständlich – kam es dann doch ganz anders: Gerade erst zwei Wochen zurück in ihrer Heimatstadt Las Vegas, da waren The Killers – bestehend aus Frontmann Flowers, Ronnie Vanucci (Schlagzeug), Dave Keuning (Gitarre) und Mark Stoermer (Bass) – schon wieder an der Arbeit. Sie konnten die Füße einfach nicht stillhalten, geschweige denn hochlegen. Das atemberaubende Resultat dieser ungeplanten (Hyper-)Aktivität wird in Kürze erscheinen: „Sam’s Town“, ihr zweites Album. „Uns wurde im Handumdrehen klar, dass wir nach all den Auftritten gar nicht Halt machen konnten. Es war undenkbar“, berichtet Flowers. „Als ich jünger war, habe ich immer von Bands gelesen, die so um die zehn Alben pro Jahr veröffentlichen. Mich fasziniert es, wenn jemand so produktiv ist. Was jedoch schlecht ist: die Musikindustrie funktioniert heute komplett anders als damals. Letztlich haben wir uns zur Aufgabe gemacht, das zweite Album so schnell wie möglich in den Kasten zu bekommen.“
Dieses Motiv der „Dinge, die schlecht sind, weil sie heute anders funktionieren“, zieht sich wie ein roter Faden durch „Sam’s Town“. Immer wieder geht es um Werteverfall, um „good ol’ American values“, die inzwischen obsolet geworden sind. Und es ist in der Tat ein skurriler Faden, der von den vier Bandmitgliedern aufgespannt wurde: Einerseits gibt es Songs wie „For Reasons Unknown“, „The River Is Wild“ und „When We Were Young“, die erste Single des Albums (die im Radio bereits eine „Killer-Performance“ hinlegt!), in denen Flowers von Zeiten berichtet, in denen alles einfacher gewesen zu sein scheint. „Ich war nicht geplant“, berichtet Flowers lachend, während er von seinen Eltern und deren ungewolltem Glück erzählt. „Wenn ich mir meinen Vater so anschaue, oder besser: wenn ich durch seine Augen schaue, dann wird einem erst richtig klar, wie verheerend die ganzen Entwicklungen eigentlich sind. Aber ich habe von ihm viel lernen können, er hat mir viel über alte, inzwischen ausrangierte Werte mitgegeben. Ich glaube, dass diese alten Werte auf dem Album ganz deutlich zum Vorschein kommen.“ Während der Vorgänger „Hot Fuss“, auf dem Smash-Hits wie „Somebody Told Me“, „Mr. Brightside“, „Smile Like You Mean It“ und „All These Things That I’ve Done“ zu finden waren, eher eine lose Ansammlung von Demo-Songs war, legt Flowers wert darauf, dass „Sam’s Town“ ein zusammenhängendes Ganzes ist. Ein Konzeptalbum, wenn man so will. „Keiner macht das heute, Konzeptalben“, stellt er sichtlich stolz fest. Er kann auch stolz sein. Denn auch die Kritiker sind sich schon jetzt einig: Der amerikanische Rolling Stone schrieb in seiner Vorankündigung, dass „Sam’s Town“ ein „prunkvolles Stück Nostalgie [ist], das mit jedem Anhören besser wird“. Besser noch: „Auf dem schmalen Grat zwischen Retro und Zeitlos befindet sich das Album stets auf der richtigen Seite“. Der britische New Musical Express schließt aus „Sam’s Town“, dass „The Killers ihren Ruf als `Beste Britische Band aus den Staaten´ endgültig ablegen´ wollen, allerdings nur, um „den weniger verwirrenden Titel `Beste Band Überhaupt, egal woher und aus welcher Epoche´“ einzufordern.
Bis an die Zähne mit Songs bewaffnet, die sie auf Tour geschrieben hatten – u.a. „My List“, „Why Do I Keep Counting?“ und „Bones“ (für das Tim Burton erst kürzlich sein erstes Musikvideo fertiggestellt hat!) –, kamen The Killers nach Vegas zurück, um dort weiter zu schreiben. In nur drei Wochen kreierten sie ein ganzes Arsenal von Songs, die allesamt Albumpotenzial hatten. In ihrer Rolle als die Vorzeigewunderkinder der Stadt (sie sind in der Tat die bedeutendeste Band aus der Wüste von Nevada), wurde ihnen letztlich sogar das nagelneue Studio im „Palms Hotel & Casino“ exklusiv zur Verfügung gestellt. „Dort wurden in der Vergangenheit schon haufenweise Live-Alben aufgenommen, aber unsere neue Platte ist das erste Studioalbum, das dort entstanden ist“, erläutert Flowers. „Diese Ehre haben wir uns auch verdient.“ Mit der Unterstützung der beiden Produzentenlegenden Flood und Alan Moulder (die u.a. gemeinsam an U2s „Pop“-Album und dem Smashing-Pumpkins-Meilenstein „Mellon Collie and the Infinite Sadness“ gearbeitet hatten), setzte die Band schon bald zu einem einzigartigen Kreativ-Höhenflug an. Flowers: „Die neuen Songs sind irgendwie intelligenter, sowohl musikalisch als auch textlich. Dazu kommt, dass Mark, Ronnie und Dave inzwischen einfach viel bessere Musiker sind. Darum klingt das neue Album auch so druckvoll und souverän.“ Allerdings verlief nicht alles reibungslos: Während der Arbeit an einem Stück namens „Little Angela“ zeigte sich schon bald, dass die beiden Produzenten alles andere als glücklich mit den Resultaten waren. „Wir konnten sie durch die Scheibe beobachten, und es war klar ersichtlich, dass Alan aufgebracht war“, setzt Flowers an. „Dann hörte ich, wie Alan sagte: `Wir versuchen hier, „Peggy Sue“ in „With Or Without You“ zu verwandeln!´ Für mich war das ein echter Schlag in die Magengrube –, denn es bedeutete, dass er letztlich meinen Text kritisierte. In der Aussage war impliziert, dass mein Text nicht mit der Produktion mithalten konnte.“ Also setzte sich Flowers hin, schrieb einen neuen Text und änderte auch die Melodie des Songs. So entstand schließlich „Read My Mind“, ein völlig neuer Song. „Es war wirklich spannend, das alles mitzuerleben. Wie so ein Funken Aufregung von Alans Seite alles umschmeißen kann und plötzlich der gesamte Aufnahmeprozess eine neue Richtung nimmt. Inzwischen würde ich sogar sagen, dass es der beste Song ist, den wir jemals geschrieben haben.“
Trotz all der Auszeichnungen – fünf Grammy-Nominierungen, zwei „Moon Men“ bei den MTV Video Music Awards, um nur einige zu nennen –, und trotz der Lobeshymnen von Seiten der Presse, die derzeit an jeder Ecke zu vernehmen sind, wollen sich The Killers erneut beweisen. Sie sind die ersten, die einräumen, dass ihre musikalische Reise gerade erst begonnen hat. Und welcher Ort wäre als nächster Stop geeigneter als „Sam’s Town“, ein Album, das nach einem Casino benannt ist, das sich exakt in der Mitte zwischen Henderson, Nevada, dem Heimatort von Flowers, und der hell erleuchteten Skyline von Las Vegas befindet! „Sam’s Town liegt genau am Eingang von Vegas“, erläutert Flowers abschließend. „Jedes Mal war es spannend, diesen Punkt zu passieren, weil einem dann klar wurde, dass man schon fast da war. Man war fast in Vegas, viel fehlte nicht mehr. Ich denke, dass das ein treffendes Bild ist, um unsere derzeitige Situation zu beschreiben.“