Musik

Heitere 2024: Grönemeyer macht den Auftakt

12.06.2024 von Christoph Soltmannowski
Heitere Events Tickets

Es war im April 1988, als Herbert Grönemeyer zuletzt in Zofingen auftrat, damals noch in der altehrwürdigen Mehrzweckhalle. Im Sommer 2024 kehrt er zurück, diesmal auf den Heitere-Platz: Mit seinem Konzert am «Super Tuesday»am 6. August eröffnet Herbert Grönemeyer die Heitere-Events-Woche auf dem Zofinger Hausberg.

«Das ist los!» So lautet der Titel seines sechzehnten Studioalbums, das im März 2023 erschienen ist.  Wir haben Herbert Grönemeyer im vergangenen Jahr zum Interview getroffen – siehe weiter unten in diesem Beitrag.

Legendäres an der «Magic Night»

Am Mittwoch, 7. August, geht es weiter unter dem Motto «Music History Live» mit der «Magic Night», mit den Rocklegenden Status Quo, der Pink-Floyd-Tribute-Band Crazy Diamond und den wieder auferstandenen Plüsch.

 

VolksSchlagerOpen Air am Donnerstag

Das VolksSchlager Open Air folgt tags darauf, am Donnerstag, 8. August, mit Ben Zucker, Daniela Alfinito, den Amigos, Oesch's die Dritten, Thomas Anders, Vincent Gross sowie Markus Wolfahrt, der auch moderiert.

Heitere Open Air: Drei Tage musikalische Vielfalt

Das «reguläre» Heitere Open Air findet dann vom Freitag 9. bis Sonntag 11. August 2024 statt und bietet eine breite Palette an Musikrichtungen, darunter Hip-Hop, Pop und Indie-Pop. Das Festival, das zum 33. Mal stattfindet, zieht jährlich rund 12'000 Besucherinnen und Besucher pro Tag an und hat sich seit seiner Gründung 1991 zu einem festen Bestandteil des Schweizer Festivalsommers entwickelt.

Das Line-Up des Heitere Open Air 2024 umfasst 30 Bands und Künstler, darunter einige der bekanntesten Namen der Musikszene.

  • Am Freitag mit La Nefera, Kapelle Petra, felipe Baldomir, Fat Freddy's Drop, Clocklock, Gims, Jeremias, Cro und Sam Feldt.
  • Am Samstag mit Opération Zéro, Damona, Ise, ESC-Sieger Nemo, Kamrad, Circa Waves, Jule X, Eifachben, Stress MTV Unplugged, Badmómzjay,  Rudim3ntal und Ofenbach
  • Am Sonntag mit Troubas Kater, Seven Sunday Brunch, 1986ig, Guacáyo, Baschi, Michael Schulte, Lukas Graham, Dean Lewis und Alvaro Soler.

 

«In der Unruhe liegt die Kraft» – event. sprach mit Herbert Grönemeyer

Im vergangenen Jahr, kurz nach Erscheinen seines aktuellen Albums «Das ist los», trafen wir Herbert Grönemeyer zum Gespräch.

Ein Gespräch über Musik, die Schweiz und über die Kraft, die sich aus der Unruhe schöpfen lässt. Hier ein Auszug aus dem Videogespräch in Textform.

event.: In der Welt ist viel passiert, seit wir uns vor vier Jahren das letzte Mal getroffen haben.

Das stimmt! Meine letzte Platte hiess «Tumult» – und seitdem hat sich viel verändert. Die Pandemie hat uns alle ziemlich in Aufregung versetzt, wir sind beängstigt und hochnervös. Ich habe zwei Freunde durch Corona verloren. Was da war, haben wir jetzt fast vergessen. Und das ist auch gut so. Der Mensch ist ja zum Glück auch in der Lage, Dinge wieder einzukapseln und wegzuschieben. Als ich 2021 mit dem neuen Album angefangen habe, war ich skeptisch. Es war speziell, in dieser Zeit Musik zu schreiben. Respekt hatte ich auch vor dem Texten – das habe ich aber auch ganz generell.

Dein neues Album «Das ist los» ist aber ganz und gar nicht lethargisch oder melancholisch, eher optimistisch, sogar fröhlich.

Nun, es ist nicht die Zeit, um fröhlich zu sein. Aber in Krisenzeiten suchen wir Menschen nach Dingen, die uns stärken – oder uns zumindest in solchen Momenten helfen. Die Musik hat mir in meinen schwersten Zeiten geholfen, immer mal wieder Luft zu kriegen. Oder, wie es Leonard Cohen mal gesagt hat, «das Hirn durchzuspülen».

Deine aktuelle Single heisst «Angstfrei». Der Text ist sehr gelungen – das Video auch. Kann man wirklich angstfrei sein?

Wenn man sich den Text genau anhört, plädiere ich nicht für Angstfreiheit. Angst ist ein wichtiger Ratgeber. Aber man darf nicht in der Angst verharren. Gerade in solchen Zeiten spürt man das Leben nur, wenn man sich auf den Weg macht. Das fällt vielen Menschen schwer – deshalb ist das ja keine Gymnastikanleitung. Es gibt viele Menschen, die sozial, psychisch und finanziell überfordert sind. Umgekehrt sollten die Menschen, die es können, versuchen, Ansätze zu finden, sich angstfreie Momente zu erarbeiten und sich nicht kleinkriegen zu lassen.

Für die Albumproduktion habt ihr ein Haus in Umbrien gemietet. War das auch ein bisschen Urlaub – oder eher anstrengend wie ein Bootcamp?

Wir hatten in dem Haus in Umbrien einen schönen Blick übers Tal. Man konnte unendlich weit schauen. Es gab auch ein Schwimmbad, aber da waren wir nur einmal drin. Es war mehr wie ein Bootcamp. Der Druck ist schon sehr gross – die Angst auch: Fällt uns etwas ein oder nicht? Wie wird der Einstieg in eine neue Platte? Kommen wir weiter? Wir sassen richtig aufeinander, sind uns auch mal in die Haare geraten.

Warum?

Stimmung und Druck. Verschiedene Geschmäcker. Ich bin ein fröhlicher Morgenmuffel. Nicht so Alex. Den habe ich schon früh mit meinem Gequatsche genervt. Abends sassen wir dann wunderbar zusammen und haben noch was getrunken. Man hängt aneinander, aber gleichzeitig tickt die Uhr, denn man möchte mit einem Ergebnis nach Hause gehen. Der Einstieg war zum Glück gut. Und der hat auch sehr schnell den Geschmack für das Album gesetzt.

Hat die Umgebung einen Einfluss auf die Musik?

Massiv! Man geht irgendwohin und bekommt unerklärliche Impulse. Für mich bestimmt ein Raum auch die Musik. Die Seele eines Raumes gebe ich auch in der Musik wieder.

Ist das nur beim Schreiben der Songs so, oder bekommst du auch Impulse, wenn du in die Schweiz fährst, wie jetzt?

Also generell komme ich ausgesprochen gerne in die Schweiz. Jetzt, wenn ich Promotion mache, sind es die Gespräche. Die Art und Weise, wie man hier miteinander redet.

Anders als in Deutschland?

Völlig anders. Was mir an der Schweizer Bevölkerung immer gefallen hat, ist ihre Selbstironie, ihr leiser Humor, der immer mitschwingt. Diese Verschmitztheit und in Gesichter zu schauen, die eine Ruhe haben und gleichzeitig immer wieder so plötzlich aufbrechen. Die Gespräche sind anders, und gleichzeitig bin ich froh, dass ich immer noch in die Schweiz kommen kann, um über meine Platten zu sprechen. Ich habe eine Zeit lang in Zürich gelebt. Ich war lange mit einer Schweizerin zusammen – und ich bin verdammt gerne hier, ich habe Freunde hier.

Manche werfen den Schweizern derzeit vor, sich wegen der Ukraine hinter ihrer Neutralität zu verstecken. Wie siehst du das?

Es wäre übertrieben, wenn ich mir anmassen würde, zu sagen, wie man in der Schweiz damit umzugehen hat. Das halte ich für heikel. Ich bin sicher, dass man Herrn Putin grundsätzlich zeigen muss, dass die Welt geeint ist – und je geeinter, desto stabiler. Dass er die Welt nicht so spalten kann, wie er sich das vorstellt. Das symbolische Zusammenstehen finde ich schon sehr gut. Inwieweit das jetzt damit zu tun hat, wie viele Waffen man liefert, und ob das der einzige Weg ist, ist eine komplexe Debatte.

Ohne es an die grosse Glocke zu hängen, engagierst du dich und schickst unter anderem mit Freunden Lastwagen voller Hilfsgüter in die Ukraine. Glaubst du, dass auch Musik allein die Welt verbessern kann?

Wir Künstler können für Dinge trommeln. Musik ist zumindest dafür da, dass die Welt nicht noch schlechter wird. Aber man kann Menschen, die sich politisch oder in Hilfsorganisationen engagieren, in ihrer Arbeit unterstützen. Kultur kann sich auch mit Regierungen anlegen, wie man an den Rappern im Iran sieht, die das Regime provozieren. Die deutsche Wiedervereinigung wurde auch von Leuten aus der Kulturszene mit herbeigeführt. Ich nehme mich nicht zu ernst, aber man ist doch ein kleiner Baustein in einer Bewegung, so würde ich es ausdrücken.

Ich weiss, dass bei dir erst die Musik und dann die Texte entstehen. Gibt die Musik schon vor, worum es textlich geht?

Die Musik sagt mir nur, in welche Stimmung der Text gehen soll. Man kann ja jedes Thema in verschiedenen Facetten angehen: zynisch, aufbrausend, wütend oder fröhlich. Meine Musik sagt mir dann, ob der Text stimmig ist oder nicht. Ich merke es nicht immer, aber meistens.

In deinen Texten gibt es viele Kleinode. Zum Beispiel die Zeile «Tanz drüber nach».

Dafür muss ich den Autoren den Kredit geben. Ich habe es in einer Diskothek in Flensburg an einem Rollladen gelesen. Vor Jahren, als wir mit dem Bus vorbeigefahren sind. Ich fand das gut, weil es eben beides hat: Tanzen kann dich vom Denken abhalten – und wenn du getanzt hast, denkst du vielleicht über Dinge anders nach.

Auch das ist gut: «In der Unruhe liegt die Kraft».

Das ist von mir! Und das stimmt doch auch. Das Leben ist generell unruhig. «Ich habe alles im Griff» – und in der nächsten Sekunde ist alles anders. Jetzt sind wir in der Unruhe. Entweder wir kapitulieren davor – was ich verstehen würde –, aber umgekehrt müssen wir uns damit auseinandersetzen, und das wird uns noch über Jahre begleiten.

Du bist keiner, der in der Ruhe verharrt: So hast du vorletztes Jahr das Luzerner Sinfonieorchester dirigiert.

So etwas hatte ich zuvor erst einmal gemacht. In Bochum, wo ich herkomme, gibt es ein sehr gutes Sinfonieorchester. Ich sollte in einem neu eröffneten Saal singen, fand das aber komisch – und dann hiess es, ich soll dirigieren. Also habe ich mir jemanden vom Konservatorium als Lehrer genommen. Partituren lesen kann ich. Ich habe dann gar nicht so schlecht die Jupiter-Sinfonie von Mozart dirigiert. Der langsame Satz war ziemlich schwierig, da hat mir der Konzertmeister sehr geholfen. Dann hat mich ein Freund gefragt, ob ich das nicht auch in Luzern machen würde.

Im schönen KKL.

Im unfassbaren KKL! Das Orchester war unheimlich hinreissend und eine gute Stütze. So habe ich mich dem gestellt. Zusammen mit der wunderbaren Pianistin Anna Vinnitskaya. Wieder setzte ich mich mit meinem Dirigenten lehrer daran. Und habs am Ende wieder mit Hilfe des Orchesters irgendwie gemeistert. Ich freue mich selten über mich selbst. Doch das war schon ein sehr wichtiger Moment in meinem Leben. Und die Leute haben toll reagiert.

Das hat Wellen geworfen – ebenso fand es Beachtung, als du vor ein paar Wochen zum Welt-frauentag den Song «Männer» in «Frauen» umgetextet hast.

Das ist eine Ente und stimmt so nicht! Ich war frühmorgens bei einem Radiosender in Berlin, am Tag vor dem Weltfrauentag. Da schiebt mir der Moderator am Ende des Interviews einen Zettel mit dem Text seines Redakteurs zu und fragt mich, ob ich so nett wäre, das einzusingen, er möchte damit morgen früh seine Sendung eröffnen. Prompt lief es einen Tag. Das war nicht mehr als ein Gag, okay für den Anlass.

Ist ja gut angekommen und nimmt dir niemand übel.

Aber es ist interessant, wie so was Wellen schlägt.

«Männer» von 1984 ist einer deiner Klassiker. Spielst du live lieber die neuen Songs?

Die neuen Lieder machen viel mehr Spass. Auch um zu sehen, welcher Song es schafft, sich live zu entfalten und die Leute mitzureissen. Aber wir werden auch von «Tumult» spielen. Natürlich auch alte Sachen. Die neuen aber geben die Richtung vor.

Vor drei Jahren erzähltest du mir von einem Musical, an dem du arbeitest.

Da stecken wir noch immer mittendrin. Manchmal laufen die Dinge langsam. Da schreibt gerade in New York eine Dame ein Libretto. Mal sehen, was draus wird. Ich werde hier im Herbst voraussichtlich ein Theaterstück machen. Eine Farce von Eugène Labiche mit dem Berliner Regisseur Herbert Fritsch. Er macht so wunderbare Theaterstücke. Das Theater Basel hat uns eingeladen. Aber jetzt gehts erst mal um das neue Album und die Tournee.

Auf jeden Fall hast du auch für die Zukunft viel vor.

Mal sehen, wie viel Sturm und Drang man noch in sich trägt und welchen «Blödsinn» ich noch mache, sicher heute etwas weniger als früher. Natürlich versuche ich, im Kopf nicht ganz zu verstauben und fröhlich und wach zu bleiben.

Das erkennt man am neuen Album.

Danke, ich freue mich sehr auf die Tour und komme gerne wieder.

Herbert Grönemeyer

Herbert Arthur Wiglev Clamor Grönemeyer (* 12. April 1956) zählt zu den populärsten deutschen Künstlern. Der Sänger, Komponist, Schauspieler und Musiker besingt in lyrischer Form Tabuthemen. Seine Balladen und Erzählungen berichten oft von Grönemeyers Erlebtem. Sein Album «Mensch» (2002) verkaufte sich über 3,5 Millionen Mal und wurde damit das meistverkaufte Album in deutscher Sprache. Soeben erschien mit «Das ist los» sein 14. Studioalbum.

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