(Foto: Dario Zimmerli) (Foto: Dario Zimmerli)
Musik

Jan Seven Dettwyler im Interview: «Ich lasse in mich hineinschauen»

29.08.2024 von Christoph Soltmannowski

Sein neues Album «Schwarz auf Grün» überrascht mit sehr persönlichen Songs. Im Gespräch mit event. erzählt Jan Seven Dettwyler von schwierigen Zeiten, Schwächen, Mut, Stärken und von seinem Idol Prince – aber auch davon, wie er Asterix zum Aargauer gemacht hat.

Jan, der Freitag, 13. September verspricht ein besonderer Tag für dich zu werden.

Genau. Dann erscheint mein 13. Album. Wir taufen es im Volkshaus in Zürich. Und mit diesem Konzert startet auch meine Tour. Wir werden in der Schweiz und anschliessend in Deutschland unterwegs sein.

Alles mit 13 – reiner Zufall?
Nein, dieses Datum habe ich bewusst gewählt. Die 13 gilt in unserer Familie als Glückszahl. Meine Eltern haben sich an einem 13. kennengelernt, an einem 13. verlobt, und meine Mutter ist an einem 13. geboren. Zahlen haben mich stets fasziniert. Auch hatte ich immer Freude an Mathematik.

Daher auch dein Künstlername Seven?

Ja, die Sieben ist meine Glückszahl. Und «Seven» ist auch mein Lieblingssong von Prince.

Neu ist, dass du dich seit zwei Jahren «jan SEVEN dettwyler» nennst. Warum die Ergänzung mit deinem privaten Namen?

Als ich mich mit 21 Jahren für den Namen Seven entschieden habe, wollte ich nicht ich selber sein, sondern eine Kunstfigur erschaffen und mir einen unglaublich coolen Namen geben. Aber das ist bloss eine Zahl, nichts Menschliches. Doch dann, 15 oder 16 Jahre später, als ich auf dem Sofa von «Sing meinen Song» in Deutschland sass, wurde ich gefragt: «Wie bist du denn so aufgewachsen?» Und da wurde mir klar: Jetzt geht es nicht mehr «nur» um Seven, sondern es geht um Jan. Früher war es so, wenn es nicht um meine Musik und meine Songs ging, habe ich keine Interviews gegeben. Ich war ein unglaublicher Purist, brutal strikt und habe nichts zugelassen. Das begann das zu clashen. Es stimmte so nicht mehr, und der Jan hat sich immer mehr vom Backstage-Bereich auf die Bühne bewegt.

Auch deine Musik hat sich verändert. Früher hast du auf Englisch gesungen, heute deutsche Texte, sehr persönliche Songs. Warum heisst dein neues Album eigentlich «Schwarz auf Grün»?

Man sagt doch: «Ich schreibs jetzt Schwarz auf Weiss.» Wenn man mir in die Augen schaut, ist meine Pupille schwarz, und meine Augen sind grün. Ich lasse jetzt zu, dass man ganz hineinschauen kann. Darum: Ich lege es jetzt einfach hin – Schwarz auf Grün. Das Album ist in den letzten drei Jahren entstanden. Und die letzten drei Jahre waren so aufreibend. So intensiv. Mit Nach-Corona-Wehen, mit den Schwierigkeiten, die das unserer Branche gebracht hat. Dann bin ich mit meiner Familie ausgewandert. Mitten in dieser Zeit, vor eineinhalb Jahren, folgte eine Trennung. Was zusätzlich viel Aufruhr, viel Angst, viel Unsicherheit gebracht hat. Ich habe mich verloren – und musste mich wieder finden. Ich musste das Leben wieder neu entdecken. Und ich lasse jetzt wirklich zu, mich zu zeigen. Mit Songs, die ein bisschen nackt sind.

Du hast eine schwierige Zeit gemeistert. Hat dich das auch stärker gemacht?

Auf jeden Fall. Ich glaube, jeder hat das im Grossen oder im Kleinen schon erlebt. Dass du Momente hast, wo du denkst: «Ich weiss nicht wie weiter. Ich habe keine Ahnung, wie das jetzt geht.» Grundsätzlich habe ich Schwierigkeiten mit Baustellen. Wenn ich in der Luft hänge, wenn es keinen klaren Plan gibt.

Gab es Momente, in denen du echt verzweifelt warst?

Ja, es gab Momente, wo ich wirklich keine Ahnung hatte, wie das wird und ob alles gut kommt und ob ich alles packe und alles schaffe. Wenn man dann auf solche Momente zurückschaut, und feststellt: «Hey, es geht mir mega gut jetzt!», und es ist alles gut so, wie es ist. Es ist sogar besser als vorher. Es hat all das gebraucht, damit ich dahin kommen konnte, wo ich jetzt bin. Und ich bereue nichts. Das macht einen viel stärker, gibt mir Zuversicht und Gelassenheit.

Ich durfte dein neues Album schon hören. Die Songs und die offenen Texte gefallen mir sehr.

Danke! Es ist komisch für mich, dass du die Songs schon kennst. Die Anfangsphase eines Album-Releases ist immer schwierig. Ich glaube, bei diesem Album werde ich am längsten brauchen, um zu realisieren, dass jetzt Menschen einfach so in mich hineinschauen können. Das macht einen sehr verletzlich und ein wenig unsicher. Es ist ein sehr aufwühlendes und eindringliches Stück Musik, dieses Album. Es ist sehr nah an meinem Herzen und meiner Seele entstanden.

Es braucht Mut, sich so zu öffnen.

Das braucht es, auf jeden Fall. Aber es ist so viel gesünder. Die Fassade immer aufrechtzuerhalten, ist so anstrengend. Schwächen nicht zeigen, macht einen auf der einen Seite unantastbar, man schützt sich davor, verletzt zu werden. Auf der anderen Seite ist es anstrengend, Schwäche nicht zuzulassen und sich immer vor allem zu schützen, vor wirklich allem. Einfach rauslassen und eben auch Schwäche zeigen, auch Ängste zeigen. Auch mal um Hilfe bitten, das macht Beziehungen viel intensiver und viel stärker. Das habe ich lange gar nicht gekonnt und lange gar nicht gewusst. Dabei gibt es einem so viel.

Du bist alles andere als ein Einzelkämpfer, auch auf dem Album wirken einige andere mit, unter anderem Johannes Oerding, Jalil, Toni-L und NKSN.  Ist das immer auch ein Experiment?

Ja klar, ausser mit Johannes Oerding. Da war es kein Experiment, bei ihm war mir von Anfang klar, dass das gut wird. Wir haben uns schon vor 18 Jahren bei einer Session in Basel kennengelernt. Und wir haben immer gesagt, sobald wir den richtigen Song haben, machen wir was zusammen. Dann habe ich ihm die Demoversion von «Kurz auf Stopp» per Whatsapp gesandt und dazu geschrieben: «Ich hab ihn!» Das passe hervorragend, schrieb er zurück. Weil er gerade vorhabe, eine einjährige Pause einzulegen.

Du coverst mit «Nothing Com­pares 2 U» auch einen Song von deinem Idol Prince.

Alex Christensen hat mich angerufen und gesagt, er wolle das mit mir machen. Als grosser Prince-Fan empfand ich es als Blasphemie, so etwas zu machen. Alex hat gesagt, er mache das nur mit mir und sonst mit niemandem – und schickte mir sein Orchester-­Arrangement, das er bereits aufgenommen hatte. Dann habe ich gesagt, ich singe es mal ein – und entscheide dann später, ob ich es veröffentlichen will. Ich habe dann diese Energie gespürt und mich tatsächlich wohlgefühlt damit.

Was bewunderst du an Prince?

Er hat sich nie an irgendwelche Regeln gehalten. Immer, wenn etwas funktioniert hat und durch die Decke ging, hat er komplett was anderes gemacht. Und auch das in Perfektion.

Prince beeindruckte auch mit seinen Liveperformances und mit durchgestylten Bühnenshows. Ich habe gehört, auch du hast auf der Tour showtechnisch etwas Besonderes vor.

Ja, nicht nur die LED-Konstruktion auf der Bühne, sondern auch das Publikum wird lichttechnisch ein Teil der Show sein. Wir werden die Handys per QR-Code ansteuern und die Farbe ändern können. Das stellen wir uns sehr cool vor.

Zum Schluss etwas ganz anderes. Anfang Oktober erscheint ein Asterix-Band, den du übersetzt hast.

Der Egmont Verlag hat mich gefragt, ob ich zum 75-jährigen Jubiläum den ersten Asterix-Band «Asterix der Gallier» in Schweizer Mundart übersetzen möchte. Ich habe zugesagt unter der Bedingung, dass ich machen darf, was ich will. Für «Asterix der Aargallier» habe ich das Dorf zu «Wohlenum» gemacht – ich bin ja in Wohlen geboren. Die Römer wurden zu «bösen Zürchern», ihr Spion ist ein Bündner. Obelix ist ein zuge­wanderter, behäbiger Berner. Ich habe viele Wortspiele eingebaut. Das war viel Arbeit, hat aber grossen Spass gemacht.

Jan Seven Dettwyler (*18.10.1978) startete seine Karriere 2002. Mit bisher zwölf Studio- und vier Live-Alben, über 1000 Headliner-Shows und zahlreichen Auszeichnungen etablierte er sich der Aargauer auch international. In den USA eröffnete er 2006 als erster Europäer das Sundance Festival. Er arbeitete mit renommierten Künstlern zusammen und trat in TV-Formaten wie «Sing meinen Song» auf. 2020 steht mit der Veröffentlichung deutschsprachiger Songs für einen Wendepunkt.

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