Der Komponist, Sänger und Weinproduzent sitzt in einem Hamburger Hotelzimmer und gestikuliert jovial, redet über «la famiglia, la musica, il vino, la religione», die wichtigsten Dinge in seinem Leben – mehr Italianità ist kaum vorstellbar. Er sagt nur Gutes: Er liebt das Publikum, er liebt das Hotel, er liebt Touren, er liebt seine alten Hits, er liebt Gott, er liebt alle und alles.
Er sitzt alleine da. Abgemacht war ein gemeinsames Interview, doch Frau Power lässt bitten. Erst wird das Interview ganz abgesagt, dann muss sie erst in Ruhe frühstücken, dann kann sie sich nicht zeigen, weil ihr Visagist bereits abgereist sei, Telefone laufen heiss. Schliesslich ist sie mit fünf Stunden Verspätung doch da – und man verzeiht ihr auf den ersten Blick.
Verliebt auf der Bühne, das war einmal
Es wird sofort klar: Der Star des Duos ist sie. Warm, humorvoll, ehrlich, blitzgescheit, charismatisch und schön. Man wünschte sich, man könnte mit Romina Power ein paar Tage rumhängen, über Gott und die Welt plaudern und Witze reissen. Sie wäre die perfekte coole, glamouröse Verwandte, die man immer gern gehabt hätte.
Romina Power liebt nicht einfach alles. Zur Tour sagt sie: «Die Energie vom Publikum, die man auf der Bühne kriegt, die ist unglaublich, aber Leben aus dem Koffer, das ist übel.» Auch die erneute Zusammenarbeit mit ihrem Ex-Mann reflektiert sie anders als er: «Auch wenn es so aussieht: Wir lachen uns auf der Bühne keineswegs verliebt an, Al Bano macht einfach trockene Witze, dann muss ich lachen. Gestern hat er mir mitten im Tanz ins Ohr geraunt, Hilfe, seine Hose rutsche ihm über den Po.»
«Würde ich Emotionen auf der Bühne zulassen, könnte ich nicht singen. Ich brächte keinen einzigen Ton heraus.» - Romina Power
Von Gefühlen sei da gar nichts übrig. «Ich halte das aktiv fern – zuunterst im Bauch», sagt sie. «Würde ich eine emotionale Reaktion zulassen, brächte ich keinen Ton heraus.» Power konnte und wollte lange nicht mehr singen. «Ich hatte die Singerei da», sagt sie und macht eine Geste, bei der sie sich den Hals durchschneidet und das Gesicht verzieht, als müsse sie sich übergeben, «ich konnte nicht mehr, es hat mir die Kehle zugeschnürt.»
Das Verschwinden ihrer Tochter zerstörte ihre Ehe
Romina Power und Albano Carrisi gingen – und gehen noch – durch eine der schlimmsten menschlichen Katastrophen, die man sich nur vorstellen kann: 1993 schloss ihre gemeinsame Tochter Ylenia Carrisi ihr Literaturstudium in London mit der Bestnote des gesamten Jahrgangs ab. Sie wollte Schriftstellerin werden und machte sich auf, die Welt zu entdecken – mit einem Backpack und einem Notizbuch. Auf dieser Reise verschwand sie im Alter von 23 Jahren. Zuletzt wurde sie Anfang 1994 in der Nähe von New Orleans im US-Staat Louisiana gesehen.
Während Romina Power stets darauf bestanden hat, dass ihre Tochter noch lebt, hat Albano Carrisi dafür gekämpft, sie für tot erklären zu lassen – auch, um Abschied nehmen zu können. 2013 hat dies ein italienisches Gericht auch verfügt. Ein Vorgehen, das Romina Power ihrem Ex-Mann lange nicht verzeihen konnte: «Hätten sie mich vor ein paar Jahren gefragt, ob ich je wieder mit Albano auf der Bühne stehen würde – ich hatte so eine Wut auf ihn, niemals!» Aber jetzt, mit Distanz, möge sie die alten Songs sogar wieder.
Die Stützen sind Religion und Kreativität
Was hat sich verändert? «Vor Jahren habe ich mitten im Sündenpfuhl von Miami die Religion entdeckt», sagt Power. Buddhismus. Seither meditiert sie. Und Mediation habe ihr das Leben gerettet – und ihr geholfen zu verzeihen. «Meditation verändert das Gehirn. Ich kann es wirklich jedem nur empfehlen, man wird ein besserer Mensch. Und vor allem ein glücklicherer.»