Sie wollen wie Nino Niederreiter durchstarten. Der 24-Jährige kannte die NHL einst nur von der Playstation. Als knapp 17-Jähriger wagte er 2009 den Sprung nach Portland, um in der Junioren-Liga WHL zu spielen. Dabei lernte er neue Seiten des Eishockeys kennen. So wurde im Training das Ablenken des Pucks drillmässig geübt. Nach einem Jahr in den USA wurde der Churer im Draft, in dem jedes Jahr die Rechte an den besten Talenten unter den NHL-Teams aufgeteilt werden, als Nummer 5 gewählt. Inzwischen hat Niederreiter bereits über 300 NHL-Partien bestritten und verdient diese Saison bei Minnesota Wild 2,6 Millionen Franken.
Doch nicht jeder landet wie Niederreiter, Yannick Weber (Nashville), Luca Sbisa, Sven Bärtschi (beide Vancouver), Sven Andrighetto (Montreal), Mirco Müller oder Timo Meier (beide San Jose) via die Junioren-Ligen WHL, OHL und QMJHL auch im Eishockey-Schlaraffenland. Die Mehrheit erlebt eine Enttäuschung beim Draft.
Abgewiesene profitieren dennoch – von ihren Erfahrungen
Das bedeutet allerdings noch nicht das Ende. Mit den Erfahrungen, welche sie in einer anderen Eishockey-Welt gesammelt haben, sind sie oft bestens gerüstet, um ihre Karriere in der Schweiz lancieren zu können. Manch einer ging als Junge, kehrte ein oder zwei Jahre später als Mann zurück und avancierte zum Leistungsträger in der NLA. Zum Beispiel der 23-jährige Lino Martschini. Der nur 1,67 Meter kleine Luzerner spielte zwei Jahre bei den Peterborough Petes in der OHL. Bereits in seiner ersten Saison zurück beim EV Zug gelangen ihm dann 17 Treffer. Und in der letzten Spielzeit war er 26-mal erfolgreich, womit er der beste Torschütze der Liga war.
In Kanada, wo das Spiel auch aufgrund der kleineren Rinks viel körperbetonter ist, hat er nicht nur entdeckt, wie man als kleiner, schmächtiger Spieler bestehen kann und an seiner Schusstechnik gefeilt, sondern auch seine Freundin kennengelernt.
Wie Martschini haben zuletzt auch Alessio Bertaggia (Lugano), Fabrice Herzog, Pius Suter (beide ZSC Lions), Yannick Rathgeb (Fribourg), Kay Schweri (Servette), Dario Meyer (Bern), Jason Fuchs (Ambri) oder Vincent Praplan (Kloten) bei ihrer Rückkehr vom Aufenthalt in Kanada profitiert. Letzterer spielte ein Jahr bei North Bay Battalion. Inzwischen ist er in Kloten ein regelmässiger Torschütze.
«Einerseits war ich für die NLA noch nicht bereit. Andererseits hätte mir ein weiteres Jahr bei den Junioren nicht mehr viel gebracht», sagt Praplan über seinen Wechsel zu North Bay. «Heute bereue ich es, dass ich den Sprung nicht schon ein Jahr früher gemacht habe. Ein zweites Jahr hätte mir gutgetan. Es braucht einfach Zeit, sich an die Verhältnisse zu gewöhnen.»
Der 22-Jährige ist überzeugt, dass ihm das Ausland-Jahr sportlich wie auch menschlich extrem viel gebracht hat. «Ich dachte zwar keine Sekunde daran, wieder nach Hause zu reisen. Trotzdem vermisste ich Familie und Freunde. Erst recht, wenn es mal nicht so lief oder dich etwas bedrückte. Es ist dann nicht dasselbe, ob du mit jemandem telefonierst oder diese Person direkt vor dir steht», sagt der Walliser. «Erstmals überhaupt war ich auf mich alleine gestellt. Das bringt dich weiter.»
Für Edgar Salis, Sportchef der ZSC Lions, der grössten Talentschmiede der Schweiz, ist der Sprung in die nordamerikanischen Junioren-Ligen nur einer von mehreren Ausbildungswegen. «Einigen hilft es weiter, andere macht es kaputt. Pius Suter zum Beispiel hat es sicher geholfen, wenn man sieht, wie er sich in den Zweikämpfen und entlang der Banden verhält», sagt er.
Beim Eishockey-Verband verfolgt man diesen Weg mit gemischten Gefühlen. Einerseits sieht man, dass sich Spieler prächtig entwickeln und vor allem in den Bereichen, die traditionell nicht zu den Schweizer Stärken gehören, wie Handlungsschnelligkeit, Durchsetzungsvermögen und Zug aufs Tor, Fortschritte erzielen. Anderseits dürften der Schweiz an der nächsten U18-WM erstmals gleich vier Spieler wegen ihres Engagements in Übersee fehlen, was zum Abstieg führen könnte. Denn die grössten Talente Nico Hischier (von Bern zu Halifax), Axel Simic (von Lausanne zu Blainville-Boisbriand), Simon Le Coultre (von Lausanne zu Moncton) und Philipp Kurashev (von den ZSC Lions zu Québec) haben den Atlantik überquert.